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Anzahlung verlangen als Freelancer – so sicherst du dein Projekt ab (ohne Kunden zu verlieren)

Anzahlung
chuan16. Juli 20269 Min. Lesezeit

Anzahlung verlangen als Freelancer – so sicherst du dein Projekt ab (ohne Kunden zu verlieren)

Noah sitzt im Juni in seiner Wohnung in Berlin und rechnet das Desaster zusammen. Er hatte einen App-Auftrag über 12.000 € angenommen, ohne Anzahlung, weil der Kunde meinte, "wir vertrauen uns". Noah baute sechs Wochen lang, lieferte ein lauffähiges Modul, und dann: Stille. Der Kunde pausierte das Projekt, meldete sich nicht mehr, die restliche Summe blieb aus. Noah hatte sechs Wochen Arbeit für etwa 6.000 € quasi verschenkt. Seitdem nimmt er bei jedem neuen Projekt 50 % vorab. "Die Anzahlung ist mein einziger Schutz", sagt er heute.

Kurz gesagt: Eine Anzahlung ist kein Ausnutzen des Kunden, sie ist der Beweis, dass beide Seiten es ernst meinen. In diesem Artikel klärst du, warum 0 % Anzahlung bedeutet, dass du das ganze Risiko trägst, wie viel du je nach Projektrisiko verlangst, wie du fragst, ohne den Auftrag zu verlieren, wie du die Anzahlung richtig in Angebot und Rechnung verankerst, und was Retainer und Meilensteine bringen.

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Eine Anzahlung ist kein Ausnutzen des Kunden

Viele Freelancer schämen sich, eine Anzahlung zu verlangen. Sie denken, das wirke misstrauisch. Dabei ist das Gegenteil wahr: Wer keine Anzahlung nimmt, trägt das gesamte Risiko allein. Der Kunde kann jederzeit aussteigen, und du sitzt auf den Kosten.

Eine Anzahlung ist ein Commitment von beiden Seiten. Der Kunde zeigt: "Ich will das Projekt, ich investiere." Du zeigst: "Ich starte, weil ich weiß, dass es ernst ist." Das ist kein Misstrauen, das ist ein sauberer Geschäftsstart. Seriöse Kunden erwarten eine Anzahlung bei größeren Projekten sogar, weil sie selbst so arbeiten.

Noahs Fehler war nicht die Höhe, sondern das Fehlen. Wer 12.000 € Projektwert liefert, ohne einen Cent vorab zu sehen, finanziert fremdes Risiko. Die Anzahlung macht aus einem "vielleicht" ein "ja".

Wie viel verlangen

Die Höhe hängt vom Projektrisiko ab. Hier die Entscheidungstabelle, die ich nutze:

ProjektrisikoAnzahlungWann
Kleines Projekt, Stammkunde25 %Laufende kleine Aufträge, Vertrauen da
Mittleres Projekt, Neukunde50 %Standard bei Unbekannten, schützt die Hälfte
Großprojekt, lang50 % + MeilensteineJede Phase wird neu abgerechnet
Kleine Summe, einmalig100 % vorabUnter 500 €, Aufwand für Nachfassen lohnt nicht
Retainer / laufend100 % MonatsbeginnAbrechnung vor Leistung, nicht nach

Die 50 %-Regel ist der Sweet Spot für Neukunden: Du deckst deine Material- und Zeitkosten der ersten Hälfte, und selbst im Worst Case bleibst du nicht auf null sitzen. Bei einem 12.000-€-Projekt wären das 6.000 € Sicherheit, exakt Noahs verlorener Betrag.

Bei sehr kleinen Summen ist 100 % vorab paradoxerweise kundenfreundlich: Der Kunde hat den Beleg sofort, du vermeidest Mahnung und Buchhaltung für Kleinkram.

Wie man fragt, ohne den Auftrag zu verlieren

Die Formulierung entscheidet, ob die Anzahlung wie eine Forderung oder wie ein Prozess wirkt. Drei Skripte, die du direkt abschreiben kannst:

Neukunde: "Für neue Projekte arbeite ich mit 50 % Anzahlung vor Start, Rest nach Abnahme. Das ist meine Standard-Regelung, damit ich mich voll auf dein Projekt konzentrieren kann, ohne gleichzeitig Honorare einzutreiben."

Bei Preisdruck: "Ich kann den Preis nicht drücken, wohl aber das Risiko: Wenn wir 50 % vorab vereinbaren, plane ich dein Projekt als Priorität ein. Das ist fair für beide."

Retainer: "Der Retainer läuft so: Du zahlst den Monatsbetrag am 1., ich liefere im Laufe des Monats. So hast du Planbarkeit, und ich weiß, dass der Slot reserviert ist."

Der entscheidende Punkt: Frage nicht, ob der Kunde eine Anzahlung "okay findet". Fram es als deinen Prozess, nicht als Bitte. Wer fragt "Wäre eine Anzahlung für dich in Ordnung?", signalisiert Unsicherheit. Wer sagt "Meine Regelung ist 50 % vorab", signalisiert Professionalität. Kunden respektieren klare Prozesse mehr als zaghafte Anfragen.

Zur Anzahlung im Kontext der Zahlungsbedingungen hilft der Artikel Zahlungsziel setzen. Und wie du beim Nicht-Zahlen eskalierst, steht im Artikel Kunde zahlt nicht.

Die Anzahlung in Angebot, dann Rechnung

Die Reihenfolge ist entscheidend. Richtig ist: Angebot → Vertrag → Anzahlungs-Rechnung → Arbeit → Schlussrechnung. Falsch: Arbeit → "ach übrigens, zahl mal die Hälfte vorab".

Warum? Die Anzahlung muss im Angebot stehen, bevor der Kunde unterschreibt. Sonst wirkt sie wie eine Überraschungsgebühr, und der Kunde fühlt sich überrumpelt. Wer die Anzahlung erst nach Projektstart auf die Rechnung packt, bekommt Widerstand, weil die Konditionen nachträglich geändert scheinen.

Konkret sieht das so aus: Im Angebot schreibst du "50 % Anzahlung bei Auftragsbestätigung, 50 % nach Abnahme". Sobald der Kunde unterschreibt, stellst du die Anzahlungs-Rechnung über 6.000 €. Erst wenn die da ist, startest du. Die Schlussrechnung verweist auf die Anzahlung und stellt nur die Restsumme plus etwaige Mehrarbeit. So hat der Kunde zwei saubere Belege statt einer verwirrenden Teilzahlung.

Wer das Ganze als reibungslosen Ablauf gestalten will, findet im Guide für schnellere Zahlung das komplette Muster inklusive Formulierungen.

Retainer & Meilensteinzahlungen

Zwei Varianten, die über die einmalige Anzahlung hinausgehen:

Retainer: Du reservierst Kapazität für einen Kunden und rechnest den Monatsbetrag am 1. ab, nicht am 30. Der Kunde zahlt vorab, du lieferst im Laufe des Monats. Das dreht das Risiko komplett um: Du bist gedeckt, bevor du arbeitest. Bei Retainern ist "100 % Monatsbeginn" die Regel, keine Ausnahme.

Meilensteine: Bei langen Projekten teilst du die Summe in Phasen. Nach Meilenstein 1 (Konzept) zahlst du 30 % ab, nach Meilenstein 2 (Umsetzung) 40 %, nach Go-live 30 %. So ist nie mehr als eine Phase ungedeckt. Das hilft besonders bei Agentur- und Entwicklungsprojekten, wo ein Kunde sonst 6.000 € Risiko wie Noah auf einmal trägt.

Beide Modelle lohnen sich auch international: Ein US-Kunde, der einen Retainer im Monatsvoraus zahlt, ist sicherer als jeder Auslands-Schuldner. Wer international abrechnet, findet im Artikel Von internationalen Kunden bezahlt werden die passenden Zahlungswege.

Kunde weigert sich? Das ist ein Warnsignal

Wenn ein Kunde hartnäckig jede Anzahlung verweigert, ist das kein Verhandlungsstil, sondern ein Warnsignal. Wer nicht einmal 50 % vorab investiert, will oft gar nicht zahlen, oder hat selbst ein Cashflow-Problem, das bald deins wird.

Meine Regel: Keine Anzahlung, kein Start. Punkt. Bei einem Neukunden, der das ablehnt, sage ich freundlich: "Ohne Anzahlung kann ich den Slot nicht reservieren, tut mir leid." Oft dreht der Kunde bei, weil er merkt, dass du es ernst meinst. Tut er es nicht, hast du einen teuren Fehler vermieden, bevor er passiert.

Noah sagt heute: "Die Anzahlung hat mir nicht nur Geld gerettet, sondern auch die Kunden gefiltert. Wer zahlt, will das Projekt. Wer nicht zahlt, wollte es nie."

Anzahlung und Steuern: wann wird sie fällig

Ein praktischer Punkt, den viele vergessen: Die Anzahlung ist steuerlich eine echte Rechnung, keine Anzahlung im umgangssprachlichen Sinn. Sobald du die Anzahlungs-Rechnung stellst, wird die darin enthaltene USt (falls du regulär besteuert bist) fällig, genau wie beim Endbetrag. Du darfst sie also nicht "ignorieren" und erst bei der Schlussrechnung abführen.

Konkret: Bei einem 12.000-€-Projekt und 50 % Anzahlung stellst du 6.000 € in Rechnung. Enthält die Leistung 19 % USt, sind davon 957 € USt sofort abzuführen. Die Schlussrechnung über die restlichen 6.000 € (plus Mehrarbeit) löst die zweite Hälfte aus. Kleinunternehmer (§ 19) stellen die Anzahlung ohne USt, aber als vollwertigen Beleg aus, damit die Buchhaltung passt.

Was tun, wenn der Kunde die Anzahlung in Raten zahlen will? Meine Antwort: Die Anzahlung ist eine Summe, kein Abo. Wer sie in Raten pressen will, will das Risiko auf dich schieben. Ich sage freundlich: "Die 50 % sind die Voraussetzung für den Start. Wenn du die erst in zwei Raten bis Projektmitte zahlen willst, starte ich eben erst dann." Meist zahlt er komplett vorab, sobald er merkt, dass sonst nichts läuft.

Noah hat aus seinem Desaster eine feste Regel gemacht: Anzahlung da, Arbeit los. Keine Ausnahme, kein "vertrauen wir uns". Wer zahlt, will das Projekt. Wer nicht zahlt, wollte es nie.

Anzahlung zurückgeben, wenn das Projekt platzt

Ein Fall, den kaum jemand bedenkt: Der Kunde zahlt die Anzahlung, und dann platzt das Projekt vor dem Start. Muss du das Geld zurückgeben? Die Antwort hängt vom Vertrag ab. Steht im Angebot "Anzahlung wird bei Stornierung vor Projektstart nicht erstattet", darfst du sie behalten als Ausgleich für die reservierte Zeit. Steht nichts, muss das Zivilrecht prüfen, ob ein Schadensersatzanspruch besteht.

Mein Rat: Schreib die Stornoregelung ins Angebot, bevor der Kunde unterschreibt. "Bei Absage durch den Kunden nach Anzahlung bleiben 50 % als Ausfallentschädigung." So ist klar, dass die Anzahlung nicht nur eine Anzahlung ist, sondern eine Reservierung. Wer das weglässt, verhandelt im Streitfall über etwas, das vorher hätte geklärt sein können.

Noah hat diese Klausel seit seinem Ausfall drin. "Die Anzahlung ist mein Sicherheitsnetz, nicht nur eine Zahlung. Wer sie zahlt, reserviert meinen Slot, und das hat einen Wert, auch wenn nichts gebaut wird." Seitdem hat er genau einmal eine Anzahlung behalten müssen, weil ein Kunde kurzfristig absprang, und der Fall war dank der Klausel in zwei Mails geklärt.

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Hinweis: Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Orientierung und ist keine Rechts- oder Steuerberatung. Rechnungsregeln, USt-Grenzwerte und Pflichtfelder unterscheiden sich je nach Land. Im Zweifel wende dich an deinen Steuerberater oder das zuständige Finanzamt.

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